Formula Easter Einleitung

Für die Formula Easter braucht es diesmal eine Einleitung, da den meisten die Serie wohl nicht sonderlich bekannt sein sollte. Die Rennserie war so etwas wie die Formel 1 der DDR, hatte aber tatsächlich nicht den „kapitalistischen“ (englischen) Begriff Formula Easter. Die korrekte Bezeichnung war „Meisterschaftsläufe der DDR für Automobile“, bzw. nannte der Motorsportverband der DDR, der ADMV, die Fahrzeugklasse Formel C9, bzw. später Formel B8. Ich würde es dennoch bei der Formel Easter belassen, da dieser Begriff weiter verbreitet sein sollte.

Um die Serie zu verstehen, muss man tatsächlich bis zum zweiten Weltkrieg zurück. Motorsportbegeisterte gab es in ganz Deutschland, in der DDR hatte man jedoch ein paar Probleme. Die Russen haben alles beschlagnahmt, was sie irgendwie gebrauchten konnten und dazu zählte auch fast alles mit einem Motor. Kraftstoff war leider ebenso rar geworden, was die Situation nicht verbesserte. Der eiserne Vorhang war aber noch ein Fliegengitter und so wurden mit Technik aus dem Westen und viel Eigenbau die ersten Rennwagen der DDR gebaut.

In den Anfangstagen hatte man noch den Vorteil, dass die Formel 2 die höchste Klasse war und konnte hier auch Achtungserfolge einfahren. Es dauerte jedoch nicht lange und die Formel 1 war wieder zurück. Was der DDR hier am stärksten fehlte: Motoren. Es gab keine brauchbaren Serienmotoren und auch Eigenentwicklungen waren aufgrund fehlender Materialien nicht möglich. Die Formel 2 wurde zudem zu teuer, so dass man froh war, als die FIA das Formel 3 Reglement auf 1100 cm³ Motoren beschränkte. Hier konnte man den Motor vom Wartburg nehmen und war konkurrenzfähig, ob die Staatsführung sich aus dem Motorsport zurückzog und niemanden mehr unterstützte.

In den 60ern war man damit auch noch gegen die Westeuropäische Konkurrenz siegfähig, musste aber einige Kompromisse eingehen. Der DDR war der Motorsport ein Dorn im Auge, da dieser Sport nicht in den Sozialismus passte. Man war gezwungen die Spielregeln einzuhalten und sich möglichst positiv gegenüber dem Staat zu stellen.

Gegen Ende der 60er wurde jedoch das Reglement auf 1000 cm³ geändert, so dass man mit der Mangelwirtschaft nicht mit dem technischen Fortschritt des Westens mithalten konnte. Dennoch sei erwähnt, dass man noch Startfelder von 36 Fahrzeugen mit einer zu 1/3 ausländischen Beteiligung hatte. Gleichzeitig zogen die Rennen riesige Massen, so dass die DDR die Zuschauerzahlen von über 200.000 – 300.000 Besuchern nicht mal „ausbessern“ musste. Man kann auf Fotos sehen, wie die Strecken von Menschen gesäumt wurden.

Doch der entscheidende Knackpunkt für die Formula Eastern sollte noch kommen. 1971 hat die FIA für die Formel 3 bis zu 1600 cm³ zugelassen. Da man in der DDR weiterhin von Motoren aus Serienfahrzeugen ausgehen musste und es solche Motoren nicht gab, konnte man nur noch um die hinteren Ränge fahren. Die Folge: Man erschuf mit der 1300 cm³ Klasse Formel C9 ein eigenes Reglement und konnte so Motoren aus dem gesamten Ostblock nutzen. Als hätte man damit nicht schon genügend Teilnehmer anderer Nationen ausgeschlossen, folgte ein Jahr später sogar das ausdrückliche Teilnahmeverbot für Fahrer anderer Länder durch die DDR-Führung. Der Ostblock war nun in seiner eigenen Welt isoliert. Die FIA hat die Formula Eastern zudem zwar anerkannt, gab dem Veranstalter ADMV aber keine Unterstützung mehr.

In den folgenden Jahren bekamen die Wagen insbesondere ihre einzigartige Optik, besonders durch den MT77 geprägt. Neben Heinz Melkus wurde zudem auch sein Sohn Ulrich Melkus zu einer lebenden Legende des Sports. Es gab natürlich noch weitere herausragende Fahrer, aber der Name Melkus sagte wirklich jedem Kind etwas. Schließlich hatte man etliche nationale, sowie Ostblock-Titel, als auch eigene Rennwagen und den einzigen Seriensportwagen der DDR konstruiert.

An dieser Stelle sollte man aber mal erwähnen, welchen Status den Rennsport bei der DDR-Führung hatte. Normale Leistungssportler waren zwar bei einem Arbeitgeber angestellt, aber gleichzeitig dauerhaft für ihren Sport freigestellt. Wer im Rennsport war, der wurde nicht freigestellt und hatte nur für den „Pokal für Frieden und Freundschaft der sozialistischen Länder“ die Freiheit die DDR Richtung Osten zu verlassen. Bis auf eine Ehrung für Ulrich Melkus als „Meister des Sports“ (der höchsten sportlichen Auszeichnung) gab es wenig Anerkennung vom Staat.

Bis Ende der 80er ist die Formula Eastern schließlich auf 1600 cm³ Motoren umgestiegen, die stärkste Machte wurde nun Estland. Diese hatten den Vorteil, dass man sich nicht so extrem gegenüber dem Westen verschlossen hatte und dementsprechend auch Reifen und Teile aus dem Westen nutzen konnte. Das war zwar eigentlich im Reglement verboten, hat aber keinen so wirklich interessiert. Der sportliche Status war damit irgendwo zwischen Formel Vee und Formel Ford. Die Formel 3 hatte schließlich mittlerweile 2000 cm³ Motoren. Preislich lag eine Saison in der Formula Eastern bei ca. 20.000 (Ost-)Mark. Stumpf umgerechnet sind das heute ca. 1.700 €. Das klingt wenig, aber man muss das inflationsbereinigen und in Relation setzen. Ohne Sponsoren und bei einem durchschnittlichen Einkommen brauchte man ca. 3 Jahre für 20.000 Mark. Das entspricht heute ca. 75.000 €. Zwar wurde ca. 1/3 von Sponsoren gezahlt, aber man musste immer noch 2 Jahre sparen, um 1 Jahr zu fahren. Für Motorsport ist der blanke Betrag zwar noch „günstig“ (eine Saison Formel 4 kostet ca. 110.000 €), aber für den normalen DDR-Bürger ziemlich unerreichbar. Schon gar nicht in jungen Jahren.

Ob die DDR da nun am Ende noch mithalten konnte oder nicht, war aber auch nicht mehr so wichtig. Mit dem Mauerfall war die Serie Geschichte.

Wobei „Geschichte“ das falsche Wort ist. Nicht nur, weil die Fahrzeuge heute noch bei historischen Rennen fahren, sondern weil man Geschichte nachlesen kann. Jetzt muss man sich mal folgendes vorstellen: Es gibt kein Internet und nur sporadische und kurze Ausschnitte der Serie im Fernsehen. Unfallrennen werden totgeschwiegen, private Aufzeichnungen oder gar Fotos und später auch Videos sind nicht gern gesehen. Zeitungen berichten nur über das, was in die Ideologie der Staatsführung passt und selbst sowas wie Autogrammkarten sind in der DDR nur über Umwege oder Druckerlaubnisse herzustellen. Fahrerlisten, komplette Rennergebnisse, genaue Rennkalender und genaue Inhalte des Reglements sind nicht mehr aufzutreiben. Selbst so etwas wie die Punkteverteilung muss man sich mühsam über die Rennberichte mehrerer Jahre zusammensetzen. Durch die Jahre und die Staatspolitik ist einfach viel zu viel verloren gegangen.

Ich habe mir dennoch die Mühe gemacht und werde eine Saison fahren, die zwar nicht 1:1 wie eine echte ist, aber möglichst nah ran kommt. Es soll vor allem das Feeling rüber kommen, dass die Serie damals den Zuschauern gegeben hat.

Von den Fahrzeugen gibt es leider nur den Melkus-Thaßler MT77 in seinen drei Ausführungen. Shiguli, HTS, RTM und die verschiedenen Motoren (Lada, Polski Fiat, etc.) wurden nicht gemoddet. Ich habe mich daher entschieden einen Mix aus den Saisons 1977-1980 nachzubilden. Doch da kommen wir direkt in das nächste Problem: Es gibt natürlich auch nicht alle Lackierungen, teilweise ja nicht einmal Fotos davon. Verlorene Geschichte.

Ebenso ist da noch ein Problem: Die Strecken. Den richtigen Sachsenring gibt es, vom Schleizer Dreieck nur die aktuelle Version und von Frohburg, Rödertal, Naumburg und Schwarzenberg? Nichts. Das sind zwar zum Teil auch Bergrennen, die ich nicht einbauen würde, aber es gibt einfach nichts. Selbst von den Fotos könnte man kaum etwas nachbilden. Man braucht also nicht warten, bis die Strecken gemoddet werden. Das wird leider nie passieren. Verlorene Geschichte.

Ich habe dennoch versucht passenden Ersatz zu finden. So wird es aus den Jahren vor meiner Saison die Halle-Saale-Schleife, den Leipziger Stadtpark und die Dessauer Rennstrecke auf DDR-Gebiet geben. Zeitlich korrekt, aber eigentlich nicht in die DDR-Meisterschaft gibt es dazu das alte Brünn und wieder etwas unpassend das Autodrom Most in seiner Form ab 1984. Damit gibt es immerhin 7 Rennen. Realistisch wäre ca. die doppelte Menge an Strecken. Mehr passendes ist aber nicht aufzutreiben.

Die Rennlänge war anschließend auch so ein Thema für sich. In den Ergebnissen, die ich gefunden habe, variiert das sehr stark. Mal war die „Nachwuchsklasse“ Leistungsklasse II bei 55 km, mal die höhere Leistungsklasse I. Und dann findet man wieder Ergebnisse, in der die Leistungsklasse I bei 65 km ist. Es ist unklar, warum manche Rennen kürzer waren. Unfälle? Wetter? Regeländerungen? Sonderregeln? Nicht auffindbar. Hinzu kommen falsche Ergebnisse, die man findet. Rechnet man mit gefahrener Distanz und Gesamtzeit die Durchschnittsgeschwindigkeit aus, merkt man schnell, dass da was nicht stimmen kann. Durchschnittlich über 210 km/h ist zumindest weit neben der Realität. Hier haben sich nach 40-50 Jahren leider Fehler eingeschlichen, über 170 km/h Durchschnitt gab es nicht.
Ich habe mich übrigens für 65 km entschieden. Ein Bauchgefühl sagt mir, dass die kürzeren Rennen nicht die Regel waren. Aber auch hier: Verlorene Geschichte.

PS: Bevor jetzt irgendwer denkt, ich wünsche mir das System der DDR zurück, möchte ich mich klar dagegen aussprechen. Ich habe die DDR nur als Kleinkind aktiv miterlebt und habe mich viel mehr über Eltern, Verwandte, Geschichtsunterricht und eigene Recherche das System kennengelernt. Und das hat mir gereicht, um froh zu sein, dass es die DDR nicht mehr gibt und ich nicht in diesem System aufwachsen musste. Das System war zum Scheitern verurteilt.
Der Rennsport war aber, gerade durch den Rückzug der DDR-Führung aus diesem Sport, weniger politisch. Klar, man musste durch dieses System mit dem was man hatte (sehr wenig) Motorsport betreiben und sich „politisch korrekt“ positionieren, aber der Sport wurde nicht als Propaganda-Instrument genutzt. Man stelle sich mal vor, man wartet 10 Jahre auf seinen Trabant, während im Rennsport dagegen sogar die „luxuriösen“ Wartburg-Motoren verheizt werden und die Fahrer dafür vom Staat gefeiert. Nicht vorstellbar.
Mir geht es daher nur um ein kleines Stück zum Erhalt des Erlebnisses, das man zu dieser Zeit gehabt haben muss. Sozusagen ein kleiner Beitrag zum Erhalt von Geschichte und keine Verherrlichung eines (schlechten) Systems.

So und ab nun viel Spaß mit meiner Saison in der Meisterschaft der DDR für Automobile (in der Leistungsklasse I, während wir annehmen, ich habe die „Bestenermittlung“ der Leistungsklasse II erfolgreich absolviert). Nach dieser Leserunde geht es dann ab Morgen mit den Rennen los.

Thimo Nagel